Für eine Begriffsbestimmung zu selbstbestimmten Lernformen ist es wichtig, dass keine einheitlich akzeptierten und trennscharfen begrifflichen Abgrenzungen existieren. Verschiedene Begriffe, die dem Kanon selbstbestimmten Lernens zugerechnet werden können, werden z. T. synonym gebraucht aber in anderen Arbeiten scharf voneinander abgegrenzt. Dies betrifft Begriffe wie selbstgesteuertes, -organisiertes, -reguliertes oder autonomes Lernen sowie andere Begrifflichkeiten im Zusammenhang mit Selbstlernen. Hierzu wird manchmal mit demselben Begriff Abweichendes beschrieben – manchmal aber auch das Gleiche. Es existiert insgesamt kein akzeptierter (wissenschaftlicher) Konsens. Diese definitorische Uneinheitlichkeit kann durch begriffsanalytische oder inhaltliche Analysen nicht aufgelöst werden.

Aus diesen Gründen – und weil dies der Begriffsauffassung in vielen Literaturquellen entspricht – wird von uns der Begriff des selbstgesteu­erten Lernens verwendet, um wichtige Elemente des Begriffsfeldes zu charakterisieren.  Bei derartigem selbstgesteuerten Lernen können wichtige Elemente des Lernprozesses vom Lernenden kontrolliert oder (mit)bestimmt werden. Ebenso muss ein Lernziel vorhanden sein, welches das Lernen zu einem bewussten – und nicht nur inzidentellen bzw. beiläufigen – Lernvorgang macht.  Hierzu ergibt sich folgende Definition:

Selbstgesteuertes Lernen erfordert, dass Lernanlass oder Lernziel(e) für Lernende vorhanden sind. Für den Lernprozess müssen Freiheitsgrade existieren, so dass der Lernende wichtige Charakteristika des Lernprozesses wie Lerninhalte, -methoden, -ziele, -partner oder Einschätzungen zum eigenen Lernerfolg beeinflussen kann. Ein derartiges Lernen erfordert, dass die Freiheitsgrade über die bloße Gestaltbarkeit der Rahmenbedin­gun­­gen wie bspw. Ort, Zeit und Dauer des Lernens hinausgehen. Zu­sätzlich müssen die vorhandenen Freiheitsgrade vom Lernenden sowohl erkannt  als auch genutzt werden, wodurch für den Lerner  eine  aktive Rolle in Ablauf und Gestaltung seines Lernprozesses  möglich wird.

Eine genaue Übersicht zu beeinflussbaren Elementen und Bestimmungsstücken des selbstgesteuerten bzw. selbstorganisierten Lernens liefern dazu Greif und Kurtz (1998):

  1. „Lernaufgaben und Lernschritte
  2. Regeln der Aufgabenbearbeitung (Individuum und Gruppe)
  3. Lernmittel, Lernmethoden oder Lernwerkzeuge
  4. Zeitliche Investitionen und Wiederholungen bei der Bearbeitung der Aufgaben
  5. Form des Feedbacks und der Expertenhilfe
  6. Soziale Unterstützung durch Kollegen und LernpartnerInnen …“

Vorzüge selbstgesteuerten Lernens liegen in der möglichen Differenzierung des Lernprozesses. Damit können – anders als bei anderen Lernformen – beim Erwerb von neuem Wissen, Können und Fähigkeiten die jeweiligen fachlichen, methodischen und personalen Voraussetzungen der Lernerin oder des Lerners (mit)genutzt und seine spezifischen Vorbildungs-, Erfahrungs- und Herkunftsbesonderheiten berücksichtigt  werden. Lehrmethodisch wird es möglich, an vielen Punkten über eine reine Frontaldidaktik hinaus zu gelangen. Dieses Aufgreifen von individuellen Leistungs-, Persönlichkeits- und Motivationsvariablen ermöglicht zudem einen sehr effizienten und zielbezogenen Lernprozess.

Insofern die Methoden zur Förderung selbstgesteuerten Lernens dabei Gruppenprozesse beinhalten, können auch Leistungsvorteile sozialen Agierens in den Lernprozess mit eingehen.

Mit der zusätzlich vorgenommenen Eingrenzung auf Lernen infolge eines – vom Lerner positiv bewerteten – Lernanlasses erfolgt die Abgrenzung von nichtintentionalen Lernformen (z. B. von inzidentellem Lernen). Für selbstgesteuertes Lernen muss als Auslöser des Lernprozesses also ein selbst- oder fremdgesetzter (und dem Lerner bewusster) Lernanlass vorliegen.

Auf die Beeinflussbarkeit des Lernprozesses verweist auch der Begriff der Freiheitsgrade, die von Hacker (1998, S. 124f) folgendermaßen definiert werden: „ (…) geforderte Arbeitsergebnis auf verschiedene Art, d. h. mit unterschiedlichen Tätigkeitsstrukturen erreicht werden kann.  Dabei existiert häufig auch nicht nur eine Optimalvariante, sondern eine Reihe unterschiedlicher, aber gleich günstiger Varianten. Wir bezeichnen diese Möglichkeiten zum unterschiedlichen auftragsbezogenen Handeln als Freiheitsgrade“.

Literatur:

Greif, S. und Kurtz (1998). Handbuch Selbstorganisiertes Lernen. Göttingen: Hogrefe Verlag

Hacker, W. (1998). Allgemeine Arbeitspsychologie. Bern: Verlag Hans Huber.

(Autor: Holger Müller, 2017)